bianco e nero

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Wolfgang Salomon ist Wirt. Fast ein Jahrzehnt nach der Eröffnung seiner feinen spezerei, Nomen est Omen, also meines zweiten Wohnzimmers, ausgestattet mit kulinarischen Leckerbissen und vielen Geschichten und Geschichterln rund um seine Musik, seine Vorlieben in Sachen Speis‘ und Trank, letzteres fokussiert auf seine Herzensheimat Triest, hat er nun zu Papier gebracht und als ganz persönliche Reiseerzählung in Buchform veröffentlicht.

Ich bin da ja oft, mehrmals pro Woche, und ich genieße die Gesellschaft meiner sozusagen ausgelagerten Familie, also das Team der spezerei, Wolfgang selbst als Erzähler seines Weltbilds seiner eigenen Art, seine Interessen für die Kulinarik und hier vor allem sein schräges Fachwissen, wenn es etwa beim Kaffee um Köstlichkeiten abseits der Familie Illy geht, die kundige Vermittlung seiner Leidenschaft für die etwas anderen Winzer und die Komposition etwa friulianischer Vorspeiseplatten, in die man sich erst auf den zweiten Blick, aber dafür nachhaltig verliebt.

Letztens lud ich ihn ein, ein paar Stunden mit mir zu Hause zu verbringen. Nein, gekocht wurde nicht, auch Nina Hagen, Nirvana & Co. blieben im Plattenregal, längst vergangene und verflossene Heldentaten postpubertärer Haudegen hatten dieses Mal auch im Archiv der Erinnerungen zu bleiben. Er kam ja auch gar nicht selbst, sondern in Gestalt seines soeben erschienen Erstlingswerkes Triest – Abseits der Pfade, erschienen im Braumüller Verlag, zu Besuch und nahm mich in gewohnt emphatischer Manier für einen Nachmittag in Beschlag.

Die Serie des Verlages verzichtet im Rahmen der regelmäßigen Reiseerzählungen wohl bewusst auf die Darstellung ausgetretener klassischer Wege, sondern lässt sichtlich motivierte und im besten und auch traditionellen Sinn des Wortes dilettierende Globetrotter und ihre ganz persönliche Sicht auf deren Routen zu Wort und Bild kommen. printed blog sozusagen … Und so gestaltet sich Wolfgangs Berichterstattung nicht als Leitfaden für etwa „Triest entdecken“, sondern viel mehr als Aufforderung „Wenn du mit mir aufs Punk-Konzert gehen kannst, dann geht sich auch mein Triest für dich aus“. Das klingt gefährlicher als es ist, denn seine Stadt-, Vorstadt- und Umgebungswanderungen durch und um die ehemalige k.u.k. Hafenstadt werden so zu einem Spiegel seiner persönlichen Lebensinteressen und geben neben den touristischen Einblicken auch einige in die Seele des Verfassers preis. Im Sinne seiner Lebensverwirklichung kommt daher Lukullus in der Salomonischen Betrachtungsweise ebenso wenig zu kurz, wie die subjektive und punktuelle Präsentation seines Verständnisses für Zeitgeschichte. Das imperiale Triest findet bei ihm keinen Platz (mit Ausnahme einiger musts vielleicht, mit denen man sich als Renegat des Establishments eben gerade noch abgibt), aber im Grunde regiert die Welt abseits der ausgetretenen Pfade der Lebenskunst: Wolfgang besucht die eigenwillige Kaffeerösterei, entlockt ihrem Besitzer die Geheimnisse seiner Kunst, erkundet alternative Olivenhaine, präsentiert die autochthonen Künstler des Kelterns, findet der Welt entzückendste Kräuterfee, blickt sozialkritisch auf Mahnmale noch nicht so lange vergangener, mitunter grauenhafter Ereignisse und findet schließlich versöhnlich zu den Geheimtipps einer Stadt, wo die sich hier treffenden drei Winde dem Traditionsbewusstsein eine, scheint’s, immer währende Frische mitbringen.

Übrigens: Das mit zahlreichen Schwarzweißfotografien (© Wolfgang himself) illustrierte Œvre des Autors möge bei aller Nachdenklichkeit, zu der hier auch angeregt werden soll, nicht als Versuch einer dunklen Lebenshaltung missverstanden werden. Im Gegenteil: nero steht hier für den hier zu Lande „Kleiner Schwarzer“ genannten. Und der sucht von dort weltweit seinesgleichen. (wfr)

Wolfgang Salomon, Triest – Abseits der Pfade
Spezerei: 1020 Wien, Karmeliterplatz 2
Wiener Lesung: 19. Oktober 2013, 11:00 Uhr, MORAWA, 1010 Wien, Wollzeile 11

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2 Kommentare
  1. heute gekauft – reingelesen, buch gemocht – viel atmosphäre, aber schlechtes lektorat….

    • Jetzt erforsche ich mehr und mehr die Möglichkeiten des WordPress, daher erst jetzt.
      Das habe ich mir beim Lesen auch gleich zu Beginn gedacht, aber dann darüber hinweggesehen, damit mir das Lesen nicht vermiest wurde.

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