Francesca

fohlenSie hatte schon so traurig begonnen, die ganze Geschichte: Kaum, dass Francesca,
das Fohlen, das Licht der Welt erblickt hatte, kamen die Männer mit ihren dunklen Gesichtsausdrücken, bewaffnet mit Seilen, die sie Dolores der Stute um den Hals
banden und sie gleich einer Diebin abführten, mit dem Vorsatz – man wollte und konnte gar nicht daran denken … Flink steckten sie Francesca in einen Sack und machten sich, als sie die laut nach Hilfe wiehernde Mutter im dunkelsten Winkel des Stalls angebunden hatten, mit dem hilflosen Balg darin versteckt aus dem Staub. Sie hatten einen Karren mit dabei, eines mit einer laut knarrenden Maschine ausgestattetes Teufelszeug, das es ihnen ermöglichen sollte, sich, wenn auch unter unvorstellbarem Getöse, aus dem Staub zu machen. Die Reise war demnach, und noch dazu für Francesca, eine turbulente Sache: Über Stock und Stein ging es, und man mochte sich fragen, ob der Halunke, der den Karren lenkte, überhaupt Herr des Gefährts war, so wild ging die Jagd vonstatten. Und der sich fragende Leser sollte Recht behalten. Francesca wurde in einer scharfen Kurve aus dem knatternden Ungetüm heraus geschleudert und blieb, immer noch fest verknotet im Jutesack, am Straßenrand zurück … zum Glück unverletzt, aber voll Furcht und bösen Ahnungen. So schrie es, was sein junges Leben vermochte, schrie in die finstere Nacht hinaus, hoffend, dass sich jemand seiner erbarmen mochte.

Und so kam es dann auch. Die Sonne war noch nicht am Horizont aufgegangen, als Salomon, der Veroneser, das zappelnde und um sein Leben bangende Bündel am Weg entdeckte. Fasste er sich ein Herz? Würde er sich des jungen Lebens erbarmen? Würde er ihm Obdach gewähren, bis es herangewachsen war und selbst seine Pferdefamilie gründen konnte? Ihr müsst wissen, Salomon, der Veroneser, war ein Mann, den die, die ihn kannten, als findigen Feinschmecker bezeichneten. Sein Wirtshaus erlebte in diesen Tage regen Zulauf durch die Stadtbewohner, die es verstanden, den edlen Tropfen, den er gerne und gegen gute Bezahlung zu kredenzen pflegte, in kleinen Schlucken zu genießen (auch wenn es viele Schlucke waren, die hier in seiner Taverne die Gäste dem Wein opferten … und wohl auch das eine oder andere Goldstück). Und dazu gelüstete es sie gar zu oft, Raffinessen aus seiner Küche zu bestellen, Raffinessen, die es aber nicht überall zu verzehren gab. So verharrte Salomon, der Veroneser, nur kurz in Mitgefühl, denn schon einen Augenblick später sah er sich auf die große Schiefertafel an der Mauer seines Wirtshauses schreiben: „Fohlengulasch auf Veroneser Art“ und lachte sich einen. Damit hatte er, das wusste er, seinen Gästen wieder einmal eine leckere Überraschung bereitet, die sich nicht zuletzt auch für ihn lohnen sollte. Wie es nun so seine Art war, packte er Francesca, noch im Sack, mit kundiger Hand, befreite sie aus ihrem dunklen Gefängnis, und es gelang ihm sogar, mit seiner Vertrauen erweckenden Stimme, das Pferdekind zu beruhigen: „Ei, fein, dass ich dich hier am Straßenrand gefunden hatte,“ säuselte er, „du sollst es nicht bereuen, denn für den Rest deines Lebens sollst du es fein haben bei uns. Wir werden dich gut behandeln, Fressen wird für dich reichlich da sein, denn wir wollen doch, dass du ein gut genährtes Fohlen wirst, nicht wahr?“ So frohlockte auch Francesca, und Salomon lachte still und diabolisch in sich hinein. Ab ging es nun nach Hause. Sie waren im Übrigens gar nicht so weit von Heim und Wirtshaus des Veronesers entfernt – einen Steinwurf gleichsam und so gelangten sie auch bald an den Ort, wo Francesca sein kurzes Leben, kaum, dass es begonnen hatte, auch beschließen sollte. Doch fürs Erste genoss Francesca ihre neue Familie in vollen Zügen! Es mangelte ihr an nichts. Die erlesenen Köstlichkeiten, die sich ein Pferdeherz kaum auszumalen getraute, machten aus dem mageren Häuflein Elend, das Salomon, der Veroneser, dieser Tage aufgelesen hatte, ein wohlgenährtes junges Fohlen, dem Kenner ein langes und gesundes Leben voraussagen wollten. Er lies sie gewähren, und erzählte niemandem von seinem teuflischen Plan, wusste er doch, dass Angetraute und Anhang sein Vorhaben mit bösen Worten quittieren würden und in ächten bis an sein Lebensende. Eines Tages, ich denke, es war ein milder Herbsttag, verabschiedete er sich von den Seinen, nicht vergessend, das lange Messer listig unter dem Mantel zu verbergen und meinte: „Francesca braucht Auslauf. Was liegt daher näher, als mit ihr eine ausgedehnte Wanderung in die Auen des großen Flusses zu unternehmen, auf dass sie sich einmal so richtig austoben kann, bevor uns alle der bitterkalte Winter in unseren Häusern gleichsam einsperrt?“ – „Wohlan, lasst es euch gut gehen,“ meinte Salomons Angetraute, und in ihren Augen strahlten Vertrauen und auch Dankbarkeit, so eine Seele von einem Angetrauten fürs Leben gefunden zu haben. Schnell wandte daher Salomon, der Veroneser, den Blick von ihr, denn das war etwas, das ihn schon verunsichern konnte. Es war immer dasselbe: kaum blickte er ihr in ihre Augen … Naja, wie gesagt, es war immer dasselbe … Aber heute, nein, heute war alles ganz anders, und der Plan musste in die Tat umgesetzt werden. Jawoll!

In der Tat, es war ein milder Herbsttag, Francesca sprang über die Wiesen, über die umgestürzten Bäume in der Au, ja, sie wagte sogar einen Sprung ins gar nicht mehr so laue Wasser und tat das auch mit einem halb erschrockenen, jedoch auch halb quietschvernügten Wiehern kund, während Salomon, der Veroneser, eiskalt sein Messer wetzte … Die Sonne war schon längst untergegangen, als der Wirt alleine von seiner Wanderung durch die Auen heimkehrte. „Wo ist Francesca?“ fragte besorgt die Angetraute. „In guten Händen“ antwortete der Veroneser, „in guten Händen. Mach dir keine Sorgen.“

Dann hängte er seinen Mantel an den Haken, verschwand noch in der Küche, um zu tun, was zu tun war. Die ganze Nacht verbrachte er dort um das Menü für den kommenden Tag vorzubereiten. Schließlich, als der Morgen graute, legte auch er sich zu Bett, todmüde, denn er hatte sich für seine Gäste, die da morgen kommen mochten um sich an seiner Kochkunst zu erfreuen, ganze Arbeit geleistet. Später dann, als es schon auf Mittag zu ging, schritt er hinüber zum Wirtshaus, holte die Kreide aus der Schublade und schrieb an die große Schiefertafel: „Gemüseeintopf auf Veroneser Art“. (wfr)

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