Die Reise zu den Marillen …


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Eines Tages gelüstete es König Tassilo
, zum Frühstück wieder einmal eine echt gute Marmelade aufs Brot zu streichen. Nicht die, welche die Königin Mutter mit ihren gleichaltrigen, verzopften Hofdamen letztes Jahr zubereitet hatte und von der sie meinte, so lange die nicht aufgegessen sei, gäbe es keine frische, und wenn die Saueräpfel in diesem Jahr den Spatzen geopfert würden. Saueräpfel! Wer hatte davon jemals gehört, geschweige denn, sie essen müssen! Und ausgerechnet er, König über Wald, Wiese, Dorf und den Drachen Jonathan, musste das Regiment der alten Dame ertragen.

Nein, eine saftige, sündig süße Marillenmarmelade sollte es sein. Das war heute sein Beschluss, und, auch wenn er, gerade im Hinblick auf die Königin Mutter, zwar schon oft entscheidungsfreudig, aber letztendlich doch schwach in der Umsetzung war, so wusste er: Ab nun würde alles anders. Um ehrlich zu sein, ihm war bereits vor einiger Zeit zu Ohren gekommen, dass in einem Land, gar nicht weit von seinem Schloss, oben auf dem nicht allzu hohen Berg über dem Wald, wo sein Lieblingsfeind, der Drache Jonathan sein tollpatschiges Unwesen zu treiben pflegte, eine Prinzessin, wohl auch schön anzusehen, in ihrer Anmut aus goldblondem Haar, warmherzigen Augen – und überhaupt liebenswert – kundig war, die wohl beste Marillenmarmelade auf dieser Welt zuzubereiten. Nun, die Voraussetzungen mussten wohl auch günstig sein, denn sie lebte in einem Land, in dem einander Sonnenschein und lauer Frühlingsregen freundschaftlich die Hand reichten, damit die Früchte wohl gedeihen mochten. War es ein Wunder, wo doch die Marillenprinzessin mit ihrer Güte und mit Umsicht ihr Land segnete, sich auch darum bemühte, dass es Land Leuten gut ging.

Genug geträumt, Tassilo, sprach er nun zu sich selbst. Es ist höchst an der Zeit, die Pferde zu satteln und sich auf den Weg zu machen. Kurz dachte er daran, seine beiden Kinder nebst kleinem Hofstaat mit auf die Reise zu nehmen.
Von dem Gedanken verabschiedete er sich allerdings ganz rasch, denn er hörte schon das Gezeter der Königin Mutter, die es nicht nur darauf anlegen würde, ihm die Reise zu verwehren, sondern auch den gesamten Hofstaat gegen ihn aufbringen würde, auf dass er den unseligen Vorrat verputze. Sie schaffte so etwas in Windeseile, denn nicht nur er beugte sich ihr in der Regel, wenn auch widerspenstig, sondern natürlich auch die gesamte Gefolgschaft. Daher musste es eine Nacht- und Nebelaktion werden, die ihn dann schon kurz vor Morgengrauen das Schloss, zum Glück kannte nur er das geheime Tor hinten am Nordzipfel, wo man hurtig entwischen konnte, ohne dass ihn jemand bei seinem Vorhaben beobachten konnte, verlassen ließ. Das Problem war nur, der Nordweg hinunter ins Dorf führte auch geradewegs vorbei an Jonathans Höhle, und der Hallodri würde gerade zu dieser Stunde gewiss noch nicht den Schlaf der Ungerechten schlafen, sondern darauf lauern, wie man der Welt wohl wieder ein Schnippchen schlagen könnte. Vor allem König Tassilo eines auszuwischen, das schien sein Lebensinhalt zu sein.
Sein Lebenselixier war es jedenfalls.
Tassilos Pferd war zwar geübt, sogar auf beschlagenen Hufen einer Katze gleich um die Höhle zu schleichen, aber der Drache war auf der Lauer, und einmal schien es doch ein wenig zu laut geklappert zu haben: „Wohin des Weges, Tassilo?“ fragte der schuppige Geselle scheinheilig. Gut, der König hatte sich wohl heute nicht zum ersten Mal aus dem Schloss geschlichen (denn der Königin Mutter wenigstens bisweilen zu entkommen, dafür kann man leicht Verständnis aufbringen). Und Jonathan genoss das verdrossene Gesicht Tassilos, der, seinerseits darum bemüht, die Situation zu bagatellisieren, meinte: „Mein Pferd! Mein Pferd! Es wurde schon Tage lang nicht ausgeführt, und so nutze ich die frühe Stunde für einen Ritt ums Königreich. Du weißt ja, es ist nicht so groß, und um diese Zeit stören wir auch nicht die Menschen aus dem Dorf, die nach der Arbeit ihre Ruhe wohl verdient haben.“
„Und nachdem du dein Königreich abgeritten hast, wohin geht die Reise dann?“ Jonathan hatte natürlich den Ranzen mit etwas Proviant auf dem Rücken des Königs augenblicklich wahrgenommen.
„Du solltest ja wissen, so klein ist mein Königreich nun auch wieder nicht, so dass ich mir auf halben Weg ein Frühstück gönnen möchte, bevor ich wieder auf mein Schloss zurückkehre“, log Tassilo. Vielleicht war er ein schlechter Lügner, oder aber Jonathan verspürte einen ersten morgendlichen Appetit, oder sein durchtriebener Instinkt sagte ihm, dass da wohl noch mehr zu holen wäre.
„Weißt du, mein König“ tat er auf einmal ganz unterwürfig, „ich denke, du brauchst Schutz vor wilden Tieren, die hier allnächtlich ihr Unwesen treiben, und so. Und da bin ich genau der Richtige für dich.“
„Nein, nein, die Wölfe sind schon vor Jahrzehnten von uns gezogen, weil du, mein tapferer Recke und Drache, aus dem königlichen Wald sie doch vertrieben hast“ schwadronierte Tassilo, verzweifelt um Schadensbegrenzung bemüht

So zog sich die Conference noch eine geraume Zeit dahin, bis Tassilo, wie immer übrigens, sein Handtuch warf und den Drachen einlud, ihn auf seiner Reise zu begleiten. Vielleicht waren sie insgeheim ja doch ganz gute Freunde, und so ließ sich der König sogar hinreißen, ihm von seinem Vorhaben zu erzählen. „Marillenmarmelade!“ schnalzte Jonathan mit seiner feurigen Zunge. Und noch einmal: „M-A-R-I-L-L-E-N-M-A-R-M-E-L-A-D-E !“ Er war in seiner Begeisterung für das, was da auf ihn warten mochte, nicht zu bremsen.

Man kann sagen, die Reise verlief im Großen und Ganzen ohne Zwischenfälle. Im Großen und Ganzen, für Tassilos Begriffe natürlich, für unsereins wohl sicher nicht, denn Jonathan zeigte sich natürlich wieder von seinen besten Seite.

Gegrillte Äpfel bereitete er gewöhnlich zu, indem er kurzerhand den ganzen Baum abfackelte, denn er konnte, wie es sich für einen Drachen gehört, auch Feuer speien, und die Bienenstöcke entledigte er seiner Einwohnerinnen, indem er ihnen lauthals bedrohliche Hornissenklänge vorsummte. Denn ohne Honig auf den Apfel, wo kommen wir den da hin? Wenn Tassilo es dann doch wagte, durch ein Dorf zu ziehen, dann benahm sich Jonathan ganz gesittet, und es kam dabei natürlich ohne Absicht die eine oder andere Scheune zu Bruch. Zum Glück hatte der König für solche Fälle auch einige Goldmünzen dabei, mit denen er dann die Bewohner im Dorf zufrieden stellen konnte.
Doch meist jedoch schliefen sie ohnehin unter freiem Himmel, das Wetter meinte es gut mit ihnen, und man merkte, dass es nicht mehr weit war ins Land der Marillen und der Prinzessin.

Da war er, der mächtige Strom, der ihnen den Weg weisen sollte.
Jonathan, ansonsten, was das Wasser betraf, eher reserviert, weil damit ja auch Baden und Schuppenschrubben verbunden war, geriet schier aus dem Häuschen, nahm einen gewaltigen Anlauf – einen sehr gewaltigen Anlauf – sehr gewaltig! – und sprang mit einem Satz nur gewünschter Anmut und einem Platsch direkt auf das Fischerboot. Zum Glück konnten sich die Menschen noch rechtzeitig durch einen Sprung ins doch sehr kalte Wasser vor Jonathans dicken Wanst und den damit verbundenen Schmerzen retten, aber das Fischerboot, das war perdú. Nun ist es ja nicht so, dass es dem Drachen nicht letztendlich dann doch peinlich war, sobald er merkte, was er in der Regel angestellt hatte … Aber dafür war später Zeit, jetzt musste das kühle, erfrischende Nass genossen werden. Mit lautem „Ah, mmmmh, erfrischend, Tassilo, komm auch rein, das Wasser ist echt, hmmmm, mega!“ ließ er den Zorn des Königs jedoch nur noch mehr wachsen, welcher natürlich wusste, dass er wieder um einige Goldmünzen ärmer war und der Tag wohl mit verzweifeltem Bemühen endete, die Fischer wieder zu versöhnen. Andererseits, heute Abend sollte es Steckerlfisch geben, denn der König hatte den kaputten Kahn mitsamt dem Fang erworben. Und dann doch ein paar neue Freunde, denn die Pertijünger zeigten sich zufrieden mit ihrer Entschädigung und spendeten überdies noch einige Krüge erlesenen Weines. Immerhin befand man sich hier auch in einem Land, wo man es nicht nur verstand, hervorragende Marillenmarmelade zuzubereiten, sondern auch einen Wein zu keltern, der seinesgleichen auf der Welt suchte.

Nach einigen Humpen vom goldenen Labsal rollte sich Jonathan, rülpsend und zufrieden grunzend, ein, und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis seine Äußerungen des Wohlbefindens nach einem gottvollen Abendmahl in mark- und die Erde erschütterndes Schnarchen übergingen. Heute war ihm Tassilo dafür gar nicht gram, denn er konnte sowieso nicht einschlafen. Zu aufgeregt war er: Dachte er an sein erstes Frühstück im Schloss, das veredelt wurde durch eine Portion dieser herrlichen Marillenmarmelade? Oder dachte er vielleicht sogar insgeheim noch mehr an die Anmut der Prinzessin, die ihn verzaubern würde, wenn er zum ersten Mal in ihre Augen blickte? Oder träumte er gar, für immer unter ihrem gütigen Blick das Frühstück, die Marmelade …? „Jetzt ist es aber genug“ sprach er mit fester Stimme zu sich selbst. „Die Prinzessin sorgt sich um ihre vielköpfige Kinderschar, um ihr Volk und dessen Wohlbefinden, und du hast gar schlimme Gedanken.

Tassilo!“

Also versuchte er eine lange, schlaflose Nacht lang, das, was er so verboten dachte, zu verwerfen, und am nächsten Morgen, als ihn die laue Sonne im Marillenland weckte, wusste er auch, wie er die Marillenprinzessin mit festem Blick und ebensolcher Stimme begrüßen würde.
Jonathan wachte dann auch auf, grunzte sich noch einen, und die letzte Etappe war dann auch bald hinter sich gebracht.

Und da stand sie auch, voll ebenso bescheidener wie majestätischer Anmut und blickte König Tassilo gütig in seine Augen, der sie, er hatte sich doch so gut vorbereitet, mit kaum fester Stimme begrüßte: „Grxmpfzpfzt …“ (wfr)

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