Multitasking

Wikipedia spricht:
zaus-krakeDer Begriff Multitasking [ˌmʌltiˈtɑːskɪŋ] (engl.) bzw. Mehrprozessbetrieb bezeichnet die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben (Tasks) (quasi-)nebenläufig auszuführen. Im Allgemeinen bietet der Prozessor hierzu auch unterstützende Hardware-Strukturen. Die verschiedenen Prozesse werden in so kurzen Abständen immer abwechselnd aktiviert, dass der Eindruck der Gleichzeitigkeit entsteht. Multitasking ist somit ein Synonym für Zeit-Multiplexverfahren. Besitzt ein Computer mehrere CPU-Kerne, so dass er mehrere Aufgaben echt-gleichzeitig ausführen kann, so spricht man von Multiprocessing. In modernen Computern werden beide Verfahren kombiniert eingesetzt.

Der Wecker läutet nicht. Ist auch nicht nötig, denn meine innere Uhr weiß sekundengenau, wann es Zeit ist aufzuwachen und das Tagwerk zu beginnen. Meine innere Uhr und den Wecker verbindet eine jahrzehntelange Diskrepanz, und daher wache ich auf, Stunden nachdem er nicht geläutet hat.
Daher gilt es, jetzt schnell zu sein und die Dinge professionell zu koordinieren. Die Schüssel, in der sich gestern nachts noch das Popcorn befunden hat, stelle ich, nachdem ich das Bett auf seiner rechten Seite verlasse, ebendort an seinen Rand, ebenso lege ich das Handy dazu, denn Michaela hatte gestern zu später Stunde noch angerufen, sowie die Brille. Die letzteren beiden gilt es besonders im Auge zu behalten, denn die werden dann noch gebraucht.
Während ich hinüber zur Kochzeile schlurfe, schalte ich das sich mir in den Weg gestellt habende Bügeleisen ein, überlasse es auch seinem Wohnungsgeber, dem Bügelbrett, bahne mir meinen Weg weiter zur Kaffeemaschine, der ich nun per beherztem Knopfdruck morgendliche Energie einhauche. Jetzt gilt es, das richtige Hemd für den Tag auszusuchen: die Wahl der Qual erledige ich während des Zähneputzens und entscheide mich heute für die schwarze Komposition, wissend, dass noch Socken, Hose, Sakko und eventuell der Mantel zur anschließenden Ankleidung vorzubereiten sind. Das erledige ich auch gleich während die Bürste brummt, und es tropft während meines Spaziergangs durch die Zimmerfluten die Zahnpasta nur geringfügig auf das weiße Hemd, das ich auf dem Bügelbrett vorbereitet hatte. Nachdem ich die letzten schwarzen Socken gestern im Wäschekorb zwischengelagert habe, wird es wohl einen Plan B brauchen. Den entwickle ich dann im Zuge des Nassrasierens. Aber vorher nutze ich die Zeit, um den Kaffee zu brühen. Die Kapsel wird lässig eingeworfen und der Knopf fürs koffeinhältige Wohlbefinden gedrückt. Obwohl der Lärm der Maschine nach der langen Nacht doch ziemlich dröhnt, begebe ich mich erwartungsfroh ins Badezimmer, um den Schaum vor dem Mund zu entfernen und ihn gegen ähnlichen auf den Wangen zu ersetzen. Das Hirn rattert: Das angepatzte weiße Hemd ist nun nicht mehr zu gebrauchen, daher ersetze ich es in meinem Plan durch ein hellblaues, wissend, dass ich nach den passenden Socken kunstgerecht im Wäschekorb fahnden muss. Das Sakko, dass gestern nächtens noch am Würstelstand vom so genannten Kinderschaß beschädigt wurde, kann ich zur Not heute noch anziehen, ich werde den auf den Fleck Hinweisenden einfach antworten, das mir das bei der Jause passiert … wurscht.
Jetzt gilt es, die Blutung zu stoppen, ein Morgenschmiss sozusagen, das Gefecht mit dem Spiegel erfordert einfach seinen Tribut. Bevor ich mich unter die Dusche begebe, lasse ich schon vorsorglich das Wasser rinnen, damit ich es nachher angenehm warm habe, beuge den sich anbahnenden Zimmerbrand dadurch vor, indem ich das Bügeleisen vom ehemals weißen Hemd nehme und lege eine zweite Kapsel vom Ristretto ein, nicht ohne darauf zu vergessen, nun doch eine Tasse unter den Kaffeespender zu stellen. Klar tut der Schluck weh, denn der Kaffee ist viel zu heiß.
Doch trotz des Schmerzes bewahre ich kühlen Kopf und denke an das, was mich in nächster, sehr nächster Zukunft erwartet. Gut, den Termin um zehn kann ich improvisieren, der Trick mit an der Flipchart g’scheit daherzureden (haben die eine, oder soll ich meine mitnehmen?) funktionierte ja schon öfters ganz gut. Ich werde mir unter der Dusche dann überlegen, wo ich die Filzstifte verlegt habe.
Fein sind ja diese Türstaffel: Denn gestern, während das Duschwasser warmlaufen durfte, ich gleichzeitig das Haarshampoo in die linke Hand träufelte, fiel die Brause auf den Duschboden – ein nur kleiner Spalt in der Düse sorgt seither für umfassende Bewässerung des Badezimmers. Das habe ich im Moment natürlich noch nicht verinnerlicht und daher finde ich das Gleichgewicht sofort nachdem ich mich am Handtuchhalter festgehalten habe.
Ansonsten läuft es in weiterer Folge weitgehend reibungslos: Das Blut tropft in überschaubaren Mengen die Wange hinunter, ich kann mir einen den Tag komplizierenden Besuch im Lorenz Böhler ersparen. Ein Pflaster wird’s wohl auch tun. Dieses finde ich in der Hausapotheke, die Schere recherchiere ich gleichzeitig, um die richtige Portion abzuschneiden, mit dem Brotmesser und vergesse, dass ich mich noch nicht abgetrocknet habe. Ich erhebe mich gleichsam majestätisch, reibe mir den Allerwertesten und beginne Handy und Brille zu suchen.
Welche Farbe wird bekleidungsmäßig den heutigen Tag begleiten? Da war doch was! Weiß wird’s wohl nicht sein, das schmort ja das Bügeleisen darüber, also wollen wir uns in fröhliches – ja was denn? – hüllen. Egal, der Kaffee ist mittlerweile erkaltet, ich sehe, während ich mich schön trinke, in den Mailordner und verliere mich in Merdohts Kugelschreiber-Selbstporträt auf Facebook.
Klar, zu arbeiten wäre aus was, aber Zeitgeschichtliches am Morgen zu studieren hat auch sein Recht auf Priorität. Wie spät ist es eigentlich? Der Blick auf die antike Doxa, kaum älter als ich selbst, verrät mir, dass sie möglicherweise gestern um halb vier am Nachmittag stehengeblieben ist und ich beschäftige mich nun damit, ihr wieder neues Leben einzuhauchen.
Gut: Blau heute. Socken checken, die Jeans finden, das Sakko notdürftig vom K. reinigen, den braunen Gürtel, wo ist der braune Gürtel?, finden, die passenden Schuhe, und während ich noch darüber nachdenke, wo Brille UND Handy sich versteckt halten, keimt der Gusto nach der ersten Zigarette …
Ich verlasse also des Bügelbrett, schlendere – so viel Zeit muss sein – zum Frühstückstisch und habe vergessen, was ich dort eigentlich wollte. Dagmar anrufen, aber, verflixt, wo ist das Handy?
Im Vormittagsfernsehen läuft gerade „Kojak“. Telly Savallas – entzückend, Baby – hilft mir dabei, die Brille und das Handy zu sichten. Ich nehme mir ganz fest vor, mich, wenn ich dann gehe, daran zu erinnern, dass sich beide am Bett gleich ganz rechts befinden.
Andererseits erinnert mich sein Lolly daran, dass ich ja, während ich die Mails sichte, die Morgenzigarette … Wo sind die Zigaretten? Und wo das Handy? Wie spät ist es eigentlich? Und außerdem: ich seh’ nichts!

(wfr)

 

 

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