I’m Walking

Meine morgendliche Runde, bewaffnet über Kopfhörer mit Online-Kulturradio und meinen beiden Kulturstecken, möchte ich mittlerweile nicht missen: Pünktlich zum Morgenjournal lasse ich mich so akustisch-informativ in den Tag hineinführen, alles Weitere habe ich dann selbst zu erledigen, damit mir die ersten Endorphine sozusagen Rosen streuen.

Ich bezeichne sie als die Praterrunde, diese erste Stunde, wo zum flotten Schritt die Gedanken zum und für den Tag mir auch Wegweiser werden, wie dieser in weiterer Folge gemeistert wird. Die Reise beginnt nächst dem Nestroyplatz, führt entlang des linken Ufers des Donaukanals, weiter à côte du Prater, bis ich dann in medias res, also ins Zentrum der grünen Lunge Wiens, stoße, von wo ich dann wieder zurückfinde, zu Schall und Rauch des erwachenden und pulsierenden Großstadterwachens.

IMG_2615Als gebürtiger Wiener verbindet mich mit meiner Heimatstadt nicht nur ein ausgeprägtes Lokalbewusstsein, sondern auch die Tatsache, das ich, unterstützt durch globale Erhebungen, wohl tatsächlich das Glück hatte, in der lebenswertesten Großstadt der Welt geboren zu sein und in ihr das Leben zu verbringen. Das Lokalbewusstsein ist hier auch wirklich doppelsinnig zu verstehen, denn Wien ist ja nicht nur bekannt für seine weinseligen und oftmals besungenen Heurigenkultur, sondern sie trug die des Wiener Kaffeehauses in die Welt hinaus: Unter diesem Blickwinkel sehe ich morgens täglich in der Urania nicht nur Wiens Sternwarte die vor nur etwas mehr als hundert Jahren erstmals das Licht der Welt erblickt hatte, bevor sie diesen freigab für die Erforschung der Unendlichkeit des Kosmos, sondern auch ihr gemütliches Café, das mich öfters einlädt, die letzten Sonnenstunden des Tages dort mit einem guten Buch zu verbringen, oder mit Freunden, um dort, am Wasser, inmitten imperialer Urbanität, die Leute auszurichten (eine beliebte Freizeitbeschäftigung von uns) oder aber auch – Altenberg reloaded – sich nicht zu Hause befindend und daher trotz kreativen Ambientes (zu dem seinerzeit der Duft von Kaffee und wohl auch inspirierenden Tobak zählten mussten) an die frische Luft zu wagen.
Wenn das Wetter hält, dann kann es leicht passieren, dass ich bei einem Glas vom Gemischten Satz hier den Tag in jedenfalls für mich beschaulicherem Ambiente ausklingen lassen werde als in der Hektik der benachbarten Hermanns Strandbar, einem beliebten Jagdrevier paarungswilliger Großstädter.

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Der Weg zur Friedensgasse, die zu erreichen ich entlang des linken Donaukanalufers anstrebe, gestaltet sich zu dieser Zeit zum Treffpunkt der Anonymen Sportler. Gleichgesinnte ziehen hier, wo es am Kanal immer grüner wird, ihre Morgenrunde, zu Fuß und unbewaffnet, im Gegensatz zu mir, oder hoch zu Drahtesel, Manches Mal begleitet von einem Hund, der das Angenehme wohl mit dem Nützlichen zu verbinden trachtet. Bisweilen gelingt es mir auch, einen Freund zu motivieren, mich auf meine morgendliche Reise ins erste Wohlbefinden zu begleiten, öfters jedoch nicht, und das ist gut so: So sehr ein entspannter Plausch sogar zu so früher Stunde erfreut, so sehr genieße ich mein Alleinsein, begleitet höchstens vom Kultursender, der zu dieser Zeit neben den Neuigkeiten zum Tag auch einen musikalischen Morgengruß sendet, der in der Regel durchaus dazu animiert, in die eigene Welt einzutauchen und die Hektik derer, die sich einer Schlange gleich in das Tagwerk wälzen, in der Nachbarschaft da oben, einer viel frequentierten Einfallstraße, vergessen lassen.

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IMG_2633Nachdem ich die besagte Friedensgasse erreicht habe (sie heißt wohl so, weil sie so kurz ist), erschließt sich bald der Grüne Prater, eine grüne Lunge Wiens, beliebtes Naherholungsgebiet der Wiener und gerade in diesen Tagen (wir schreiben die letzte Schulwoche vor den großen Ferien) die meistgewählte Destination vieler Lehrer, die ihre Schützlinge zum Lüften hierher mitgenommen haben. Die Hauptallee, wie sie sich nennt, verbindet den Praterstern mit dem Lusthaus, das dank seiner Gastronomie nebst dem Jägerhaus das wohl beliebteste Etappenziel jedes Spaziergängers hier darstellt. Aber noch etwas bietet sie: Nahe dem genannten Lusthauses befinden sich auch die beiden Rennbahnen für den Pferdesport in Wien, Stallungen und natürlich Auslauf für die trainierenden Reiter und Trabrennfahrer. Diese begleiten den Wanderer hier ebenfalls und runden das Bild der sportelnden Nachbarn erfrischend ab.

Womit sich der Kreis schön langsam zu schließen beginnt: Der Praterstern am Beginn des Grünen sowie des Wurstelpraters, ebenfalls ein beliebter Freizeittreffpunkt, dessen Wahrzeichen, das Riesenrad, noch immer um die Gunst seines Publikums, trotz etwa der Wiener Ausgabe der Madame Tussauds und Co., buhlt. Für mich gilt es noch, die Praterstraße hinter mich zu bringen, nicht ohne zu vergessen, frisches Gebäck fürs Frühstück einzukaufen (und vielleicht noch einen schnellen Espresso im am Weg liegenden Balthasar mitzunehmen). Und am Nestroyplatz ist das tägliche Ziel dann auch erreicht. Für das Kino, das vor vielen Jahren auch für die elegante Flaniermeile der Reichen und Schönen der Stadt stand, bin ich allerdings schon zu spät dran …

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2 Kommentare
  1. Christian Feichtinger sagte:

    da der hawara gern bezirksinterne reiseberichte verfasseln tut hier ein beitrag dem ich meinem bald in griechenland (man gönnt sich in der betuchten ennui ja sonst nix) hurlaubenden mitzeichner widmann gewidmannt habe:

    >

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