1000 Meisterwerke Vol. II

Brigitta von Frohgemut: Jakob P.

Das Bild entstand 2010, als ich für einige Zeit einen etwas anderen Stadtschreiber in St. Pölten geben sollte (anlässlich des 350. Geburtstag von Jakob Prandtauer). Obwohl daraus schlussendlich dann doch nichts wurde, entstand im Vorfeld dieses Bild für die Ewigkeit.

JakobAls einst der Sohn von Tiroler Bergbauern in jungen Jahren den Hof verließ um fortan als Maurergeselle durchs Leben zu gehen, erschien ihm eines Nachts der Gute Geist von der Traisen und offenbarte ihm seine Zukunft, die sich fern der Heimat, weit im Osten des Heiligen Reiches auftun sollte: „Gehe hin,“ sprach er „und erhöhe den Turm von St. Pölten! Denn, auch wenn es noch viele Jahre dauern mag, dereinst wird er kommen, der allmächtige Fürst unter der Enns und herrschen von dort über sein Volk in den Niederungen nah dem großen Fluss.“ Und so zog er gegen Osten, erhöhte den Turm der Stadt und errichtete den Bischöfen an der Traisen Gotteshäuser, wo sie wohlbeleibt den Untertanen von Bescheidenheit in De- und Armut predigen sollten.

Jahrhunderte später entdeckte die Malerin Brigitta von Frohgemut in den Annalen der Stadt die Aufzeichnungen des Kegels aus dem Hause P., der seinem Bruder, der dereinst solche Berühmtheit erlangen sollte, seinerzeit unerkannt gefolgt war und das Treiben von Jakob und dessen bösen Geist(lich)er mit spitzer Feder festzuhalten verstand. „Statt-Schreiber, so nannten sie ihn,“ berichtet die Chronik aus der Stadt des neuzeitlichen Fürsten, und so erfuhr sie allerlei Pikantes über die Kunst des Zubereitens der an Variationen reichen leiblichen Genüsse für die Gesellschaft, was der Kegel vorzüglich niederzuschreiben verstand.
Die Künstlerin abstrahiert auf der Darstellung des Statt-Schreibers in Form eines das Universum andeutenden rondeau éternique, vor dem sie ihn platziert, nachdenklich zwar, doch mit einem schelmischen Lächeln im Antlitz erinnert er sich an die vergangene Nacht, der er als aufmerksamer Beobachter bei Rang und Namen beigewohnt hatte: demnach gewinnt die Mehrdeutigkeit des Gänsekiels aus ihrer Feder an Bedeutung. So schlägt sie in der Diagonale, die sie spannt, eine Brücke zwischen dem vor dem Schreiber liegenden und auf seine Worte wartende Manuskript und die zu vermittelnden Neuigkeiten, die dieser gedenkt, schon bald dem Herold der Stadt zu übermitteln und errichtet so die Grundlage zu den pythagoräischen Schenkeln der Dreifaltigkeit. Doch, Einhalt sei geboten, vermittelt uns von Frohgemut, denn tief unten, dort, wo das Universum seine Schurkengesellen beherbergt, lauert in Form eines pechschwarzen Tintenfasses die Sünde der weltlichen Vertrauten der Heiligkeit und schickt sich an, quasi zur Hypotenuse des göttlichen Ganzen reifend, die Erbsünde nach St. Pölten zu tragen.
So bleibt allein der Kegel, zwar selbst einer Sünde entsprungen, dargestellt in seinem weißen Hemd und nur scheinbar wirrem Wuschelschopf, der frei ist in seinen Gedanken und ohne Fehl und Tadel im Pfuhl der Fürstenstadt, zu der sie dereinst heranreifen sollte.

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