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cl-feuer-DW-Wissenschaft-San-BrunoKlosterneuburg. Am 9. Juni 2014, dem heißesten Pfingstmontag seit der
Erfindung des Heiligen Geistes, forderten höllische Temperaturen Zoll und Märtyrer. Obwohl Wassertemperaturen nicht über 5mm gemessen wurden, verursachten Sonnenlicht und Westwind zum Teil verheerende Flächenbrände.

Bereits während der frühen Nachmittagsstunden erröteten Teile des Badestrandes, was den Wiener Brandschutzbeauftragten Peter B. (Name der Redaktion bekannt) ferndiagnostisch und geradezu prophetisch, was die weiteren Stunden seines Katastropheneinsatzes betreffen sollte, anmerken ließ: „Wir wissen aus Erfahrung, dass lokale Hilfsmaßnahmen bei solchen Phänomenen in der betroffenen Regionen zumeist nur kurzzeitig Wirkung zeigen, zumal um acht in der Regel Badeschluss ist, und somit auch die Erste Hilfe für die Betroffenen dann auch schnell eingestellt und an uns übergeben wird.“ Und weiter: „Im Fall einer speziell betroffenen Region erfolgte daher die Überstellung schnell, reibungslos und effizient. Anzumerken ist, dass hier vor allem die individuelle Einsicht, den nun notwendigen Löschvorgang in unserem Institut durchzuführen, gegeben war. Immerhin arbeiten in diesem Fall Institut und Region seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich zusammen.“

Wolfram P., Regionalverteter (Name geringfügig geändert, aber der Redaktion in vollem Lautwort ebenfalls bekannt) dazu: „In der Tat war es heute ein Unterfangen, dass besondere Einsatzkraft erfordert hat, denn nicht nur Westwind und Sonneneinstrahlung bewirkten einen für die Region hohen Gefahrenherd, sondern es stellte sich heraus, dass gerade die Nachbarschaft dieses Mal auch ein gesteigertes Potential darstellte, gleichsam einer Bratpfanne, wenn Sie verstehen, das Schrecklichste befürchten zu lassen. Ich darf unserem Einsatzteam zugute halten, dass durch zwei Akuteinsätze der Löschmannschaft das Schlimmste vorerst abgewendet werden konnte.“

Der „Ewig Junge W.“, Einwohner und möglicherweise der beste Kenner der Region, freut sich daher über den glücklichen Ausgang und möchte dennoch hinzufügen: „Das kurzfristige Separieren der Regionen hat heute mit Sicherheit den gewünschten Erfolg gebracht. Aber ich möchte ausdrücklich betonen, dass wir in Zukunft an bilateralen Beziehungen, gerade im Regionalverkehr, äußerst interessiert sind und nicht einhalten wollen, die Gespräche in Zukunft zielorientiert weiterzuführen.“

Über weitere Vorgänge des Heilungsprozesses war zum Redaktionsschluss zur Zeit noch nichts bekannt. (wfr)


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Eines Tages gelüstete es König Tassilo
, zum Frühstück wieder einmal eine echt gute Marmelade aufs Brot zu streichen. Nicht die, welche die Königin Mutter mit ihren gleichaltrigen, verzopften Hofdamen letztes Jahr zubereitet hatte und von der sie meinte, so lange die nicht aufgegessen sei, gäbe es keine frische, und wenn die Saueräpfel in diesem Jahr den Spatzen geopfert würden. Saueräpfel! Wer hatte davon jemals gehört, geschweige denn, sie essen müssen! Und ausgerechnet er, König über Wald, Wiese, Dorf und den Drachen Jonathan, musste das Regiment der alten Dame ertragen.

Nein, eine saftige, sündig süße Marillenmarmelade sollte es sein. Das war heute sein Beschluss, und, auch wenn er, gerade im Hinblick auf die Königin Mutter, zwar schon oft entscheidungsfreudig, aber letztendlich doch schwach in der Umsetzung war, so wusste er: Ab nun würde alles anders. Um ehrlich zu sein, ihm war bereits vor einiger Zeit zu Ohren gekommen, dass in einem Land, gar nicht weit von seinem Schloss, oben auf dem nicht allzu hohen Berg über dem Wald, wo sein Lieblingsfeind, der Drache Jonathan sein tollpatschiges Unwesen zu treiben pflegte, eine Prinzessin, wohl auch schön anzusehen, in ihrer Anmut aus goldblondem Haar, warmherzigen Augen – und überhaupt liebenswert – kundig war, die wohl beste Marillenmarmelade auf dieser Welt zuzubereiten. Nun, die Voraussetzungen mussten wohl auch günstig sein, denn sie lebte in einem Land, in dem einander Sonnenschein und lauer Frühlingsregen freundschaftlich die Hand reichten, damit die Früchte wohl gedeihen mochten. War es ein Wunder, wo doch die Marillenprinzessin mit ihrer Güte und mit Umsicht ihr Land segnete, sich auch darum bemühte, dass es Land Leuten gut ging.

Genug geträumt, Tassilo, sprach er nun zu sich selbst. Es ist höchst an der Zeit, die Pferde zu satteln und sich auf den Weg zu machen. Kurz dachte er daran, seine beiden Kinder nebst kleinem Hofstaat mit auf die Reise zu nehmen.
Von dem Gedanken verabschiedete er sich allerdings ganz rasch, denn er hörte schon das Gezeter der Königin Mutter, die es nicht nur darauf anlegen würde, ihm die Reise zu verwehren, sondern auch den gesamten Hofstaat gegen ihn aufbringen würde, auf dass er den unseligen Vorrat verputze. Sie schaffte so etwas in Windeseile, denn nicht nur er beugte sich ihr in der Regel, wenn auch widerspenstig, sondern natürlich auch die gesamte Gefolgschaft. Daher musste es eine Nacht- und Nebelaktion werden, die ihn dann schon kurz vor Morgengrauen das Schloss, zum Glück kannte nur er das geheime Tor hinten am Nordzipfel, wo man hurtig entwischen konnte, ohne dass ihn jemand bei seinem Vorhaben beobachten konnte, verlassen ließ. Das Problem war nur, der Nordweg hinunter ins Dorf führte auch geradewegs vorbei an Jonathans Höhle, und der Hallodri würde gerade zu dieser Stunde gewiss noch nicht den Schlaf der Ungerechten schlafen, sondern darauf lauern, wie man der Welt wohl wieder ein Schnippchen schlagen könnte. Vor allem König Tassilo eines auszuwischen, das schien sein Lebensinhalt zu sein.
Sein Lebenselixier war es jedenfalls.
Tassilos Pferd war zwar geübt, sogar auf beschlagenen Hufen einer Katze gleich um die Höhle zu schleichen, aber der Drache war auf der Lauer, und einmal schien es doch ein wenig zu laut geklappert zu haben: „Wohin des Weges, Tassilo?“ fragte der schuppige Geselle scheinheilig. Gut, der König hatte sich wohl heute nicht zum ersten Mal aus dem Schloss geschlichen (denn der Königin Mutter wenigstens bisweilen zu entkommen, dafür kann man leicht Verständnis aufbringen). Und Jonathan genoss das verdrossene Gesicht Tassilos, der, seinerseits darum bemüht, die Situation zu bagatellisieren, meinte: „Mein Pferd! Mein Pferd! Es wurde schon Tage lang nicht ausgeführt, und so nutze ich die frühe Stunde für einen Ritt ums Königreich. Du weißt ja, es ist nicht so groß, und um diese Zeit stören wir auch nicht die Menschen aus dem Dorf, die nach der Arbeit ihre Ruhe wohl verdient haben.“
„Und nachdem du dein Königreich abgeritten hast, wohin geht die Reise dann?“ Jonathan hatte natürlich den Ranzen mit etwas Proviant auf dem Rücken des Königs augenblicklich wahrgenommen.
„Du solltest ja wissen, so klein ist mein Königreich nun auch wieder nicht, so dass ich mir auf halben Weg ein Frühstück gönnen möchte, bevor ich wieder auf mein Schloss zurückkehre“, log Tassilo. Vielleicht war er ein schlechter Lügner, oder aber Jonathan verspürte einen ersten morgendlichen Appetit, oder sein durchtriebener Instinkt sagte ihm, dass da wohl noch mehr zu holen wäre.
„Weißt du, mein König“ tat er auf einmal ganz unterwürfig, „ich denke, du brauchst Schutz vor wilden Tieren, die hier allnächtlich ihr Unwesen treiben, und so. Und da bin ich genau der Richtige für dich.“
„Nein, nein, die Wölfe sind schon vor Jahrzehnten von uns gezogen, weil du, mein tapferer Recke und Drache, aus dem königlichen Wald sie doch vertrieben hast“ schwadronierte Tassilo, verzweifelt um Schadensbegrenzung bemüht

So zog sich die Conference noch eine geraume Zeit dahin, bis Tassilo, wie immer übrigens, sein Handtuch warf und den Drachen einlud, ihn auf seiner Reise zu begleiten. Vielleicht waren sie insgeheim ja doch ganz gute Freunde, und so ließ sich der König sogar hinreißen, ihm von seinem Vorhaben zu erzählen. „Marillenmarmelade!“ schnalzte Jonathan mit seiner feurigen Zunge. Und noch einmal: „M-A-R-I-L-L-E-N-M-A-R-M-E-L-A-D-E !“ Er war in seiner Begeisterung für das, was da auf ihn warten mochte, nicht zu bremsen.

Man kann sagen, die Reise verlief im Großen und Ganzen ohne Zwischenfälle. Im Großen und Ganzen, für Tassilos Begriffe natürlich, für unsereins wohl sicher nicht, denn Jonathan zeigte sich natürlich wieder von seinen besten Seite.

Gegrillte Äpfel bereitete er gewöhnlich zu, indem er kurzerhand den ganzen Baum abfackelte, denn er konnte, wie es sich für einen Drachen gehört, auch Feuer speien, und die Bienenstöcke entledigte er seiner Einwohnerinnen, indem er ihnen lauthals bedrohliche Hornissenklänge vorsummte. Denn ohne Honig auf den Apfel, wo kommen wir den da hin? Wenn Tassilo es dann doch wagte, durch ein Dorf zu ziehen, dann benahm sich Jonathan ganz gesittet, und es kam dabei natürlich ohne Absicht die eine oder andere Scheune zu Bruch. Zum Glück hatte der König für solche Fälle auch einige Goldmünzen dabei, mit denen er dann die Bewohner im Dorf zufrieden stellen konnte.
Doch meist jedoch schliefen sie ohnehin unter freiem Himmel, das Wetter meinte es gut mit ihnen, und man merkte, dass es nicht mehr weit war ins Land der Marillen und der Prinzessin.

Da war er, der mächtige Strom, der ihnen den Weg weisen sollte.
Jonathan, ansonsten, was das Wasser betraf, eher reserviert, weil damit ja auch Baden und Schuppenschrubben verbunden war, geriet schier aus dem Häuschen, nahm einen gewaltigen Anlauf – einen sehr gewaltigen Anlauf – sehr gewaltig! – und sprang mit einem Satz nur gewünschter Anmut und einem Platsch direkt auf das Fischerboot. Zum Glück konnten sich die Menschen noch rechtzeitig durch einen Sprung ins doch sehr kalte Wasser vor Jonathans dicken Wanst und den damit verbundenen Schmerzen retten, aber das Fischerboot, das war perdú. Nun ist es ja nicht so, dass es dem Drachen nicht letztendlich dann doch peinlich war, sobald er merkte, was er in der Regel angestellt hatte … Aber dafür war später Zeit, jetzt musste das kühle, erfrischende Nass genossen werden. Mit lautem „Ah, mmmmh, erfrischend, Tassilo, komm auch rein, das Wasser ist echt, hmmmm, mega!“ ließ er den Zorn des Königs jedoch nur noch mehr wachsen, welcher natürlich wusste, dass er wieder um einige Goldmünzen ärmer war und der Tag wohl mit verzweifeltem Bemühen endete, die Fischer wieder zu versöhnen. Andererseits, heute Abend sollte es Steckerlfisch geben, denn der König hatte den kaputten Kahn mitsamt dem Fang erworben. Und dann doch ein paar neue Freunde, denn die Pertijünger zeigten sich zufrieden mit ihrer Entschädigung und spendeten überdies noch einige Krüge erlesenen Weines. Immerhin befand man sich hier auch in einem Land, wo man es nicht nur verstand, hervorragende Marillenmarmelade zuzubereiten, sondern auch einen Wein zu keltern, der seinesgleichen auf der Welt suchte.

Nach einigen Humpen vom goldenen Labsal rollte sich Jonathan, rülpsend und zufrieden grunzend, ein, und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis seine Äußerungen des Wohlbefindens nach einem gottvollen Abendmahl in mark- und die Erde erschütterndes Schnarchen übergingen. Heute war ihm Tassilo dafür gar nicht gram, denn er konnte sowieso nicht einschlafen. Zu aufgeregt war er: Dachte er an sein erstes Frühstück im Schloss, das veredelt wurde durch eine Portion dieser herrlichen Marillenmarmelade? Oder dachte er vielleicht sogar insgeheim noch mehr an die Anmut der Prinzessin, die ihn verzaubern würde, wenn er zum ersten Mal in ihre Augen blickte? Oder träumte er gar, für immer unter ihrem gütigen Blick das Frühstück, die Marmelade …? „Jetzt ist es aber genug“ sprach er mit fester Stimme zu sich selbst. „Die Prinzessin sorgt sich um ihre vielköpfige Kinderschar, um ihr Volk und dessen Wohlbefinden, und du hast gar schlimme Gedanken.

Tassilo!“

Also versuchte er eine lange, schlaflose Nacht lang, das, was er so verboten dachte, zu verwerfen, und am nächsten Morgen, als ihn die laue Sonne im Marillenland weckte, wusste er auch, wie er die Marillenprinzessin mit festem Blick und ebensolcher Stimme begrüßen würde.
Jonathan wachte dann auch auf, grunzte sich noch einen, und die letzte Etappe war dann auch bald hinter sich gebracht.

Und da stand sie auch, voll ebenso bescheidener wie majestätischer Anmut und blickte König Tassilo gütig in seine Augen, der sie, er hatte sich doch so gut vorbereitet, mit kaum fester Stimme begrüßte: „Grxmpfzpfzt …“ (wfr)

IMG_6520cskleinEin halbes Leben lang schrieb Ernst Bieber über Tod und Teufel, Mord und Totschlag. Während seiner Laufbahn als Reporter für die österreichische Tageszeitung Kurier begleitete er mit Leidenschaft die Bösewichte und jene, die sie schließlich zur Strecke brachten. In seinem zweiten Leben als Freizeitwinzer
in der Südsteiermark und als Buchautor bleibt er 
seinen Investi-Genen treu …

Kniely-Haus-in-Leutschach,-Zweigstelle-der-MS-Mureck_1_1_1In seinem Roman Am Hopfenpranger trifft er in seiner Wahlheimat Leutschach, knapp an der slowenischen Grenze, noch dazu einen pensionierten Reporter, dem es nicht gegönnt scheint, seinen Lebensabend in Österreichs Toskana in Beschaulichkeit zu genießen. So muss er einen an einem Hopfenmast baumelnden Toten entdecken, einen befreundeten Kommissar alarmieren und in der Folge zur Aufklärung einer sich über drei Generationen spannenden Familientragödie beitragen. Bieber trägt aber zu mehr bei: Neben einer spannenden Story präsentiert er seine Südsteiermark, lässt seine Nachbarn aus dem wirklichen Leben nicht nur teilhaben, sondern auch mitwirken, und wir dürfen bei der Lektüre auch ein

IMG_6469cskleinSo steht bei Bieber der Herbst in diesem Jahr ganz im Zeichen von Lesen und Ernten: Der Sauvignon Blanc, für den Bieber schon einmal ausgezeichnet wurde, pubertiert gerade zum Junker und seine Lesungen ernten frenetischen Applaus: Den Auftakt machten im Oktober der fulminante Abend im Leutschacher Kniely Haus, der neben den Einblicken in das Werk auch von den sozusagen im
Roman Mitwirkenden getragen wurde, sowie die stilgerecht
IMG_6563cskleinin der Vinothek Miller-Aichholz stattfindende Wiener Lesung, die sich Biebers ehemalige Kollegen der Wiener Exekutive, unter ihnen Ex-Präsident Michael Sika, nicht entgehen ließen. Besonders freute sich bei den Gelegenheiten auch der Jungverleger Andreas Schinko. Dieser ist ein glühender Verfechter der Symbiose aus Lese und Lesung. Und diese konnte bei beiden literarischen Darbietungen ihr uneingeschränktes Potenzial entfalten: Biebers Sauvignon traf auf Brindlmayers Veltliner. Der Wiener Abend wurde bereichert um die Grazie einer dem Verlag treuen Autorin, Margot Fischer, die ihrerseits wiederum mit Polenta und Co. kulinarisch den Kreis von Wien zurück in die Steiermark schloss … (wfr)

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Ernst Bieber
Am Hopfenpranger
(PROverbis)

HarryWir Alten erinnern uns: Tappert wepperte. Früher nannte man das Kriminalfilm im TV, heute nennen wir es kriminelle Zumutung, bloß weil man freitags nichts Besseres vorhat. Harry wepperte, Horst tappte nie im Dunkeln, und wenn er wieder einmal schwer am Begriff war, hochprosperitäre Tiefen im Mekka der Schickeria im Umkreis des weißen Äquators ans Rechte Licht zu rücken, eh wurscht, dann war auch Harry zur Stelle. Ebenso unbelegt wie legendär damals, rechtens für Recken mit teutscher Vergangenheit: „Harry fahr den Wagen vor.“

Heute durfte ich Harry kennen lernen. Als Sympathisant Alter Schweden treibt es mich daher zeitweise sozusagen in den Hohen Norden, stets auf der Suche, im Zuge meiner Wanderungen auch bisweilen sesshaft zu werden. Dabei traf ich Harrys Zeitgenossen, die sich mit sonderbaren Namen wie Nørd, Swånsk, Døbel und dergleichen schmücken, kam mit ihnen kurz ins Gespräch, und wir fanden bald heraus, dass wir uns nicht wirklich verstanden, weniger ein Stück des Weges miteinander zu gehen (auch jener kannte Schweden), als sich für eine Zeit lang gemeinsam niederzulassen. Ganz anders Harry: Beinahe scheu stand er neben Swånsk, begehrte auch kaum Aufmerksamkeit, und seine Diskretion um seine Qualität als potentieller Partner – doch – zwar nicht schon wieder aufbrechen zu müssen, sondern sich am Weg niederzulassen, machte mich neugierig. Sein Äußeres erinnerte mich spontan an niemanden, und das ist doch interessant, oder?

Harry spricht eigentlich gar nicht. Anfangs kleidete er seinen Charme sogar noch in spröder, wohl oktroyiert-unscheinbarer Verpackung, von der ich jedoch annahm – zu Recht – wie sich später herausstellen sollte – dass sie seinem Schutz vor Widrigkeiten der oben genannten Haudegen dienen sollte. Auch ohne zu sprechen verstanden wir uns recht gut, und so lud ich ihn ein, mit mir doch ein Stück des Weges zu gehen, um danach in freundschaftlicher Kollegialität ein Stück Zeit der Sesshaftigkeit miteinander zur verbringen: Still. Unberedt.

Nørd, Swånsk und Døbel goutierten diese neue Bekanntschaft zwar gar nicht, aber meine Entscheidung war gefallen: „Wagen, hol den Harry ab.“ (wfr)

BildDer freie Maurer Franz Joseph Machatschek musste erkennen, dass ohne Bezug zu Mörtel & Co. kein Schnitt zu machen war. Da beschloss er, die Kelle gegen die Klampf’n einzutauschen und seiner Klientel fortan auf den Zahn zu fühlen. Somit heißt er jetzt Der Machatschek, schaut den Wienern tief in Augen und Seelen und erzählt ihnen ihre Geschichten.

Machatschek ist mittlerweile Wiener Liederat von Beruf und wohl auch aus Berufung: Seine Geschichten beginnen in Simmering – da, wobei wir uns schmunzelnd an Merzens, Bronners (sen.) und Qualtingers Brutalitäten erinnern, er knüpft humoristisch etwa bei Georg Kreisler an und versprüht in seinem mitunter böse-spekulativen Vokabular jedoch stets den Charme des liebenswerten Wiener Lausbuben. Lesenswert übrigens, denn er hat schon zwei Bücher veröffentlicht, begleitet von zwei musikalischen Produktionen, und die werden auch im Kombipack seiner verschworenen und stetig wachsenden Fangemeinde präsentiert: nix CD mit Lesen, nix Hörbuch, Machatschek hat die BuchCD erfunden. Also: Reinhören, Reinlesen.

Für den 14. November hat er sich einen ziemlich lässigen Termin gesetzt: Machatschek präsentiert seine Wiener AdWEANT BuchCD: Alle 23 Wiener Bezirke hat er unter die Lupe genommen, ihnen aufs Maul geschaut und liederatisiert. Damit natürlich nicht genug, denn Machatschek hat ja Freunde, die zwar nicht so sprechen, dichten und singen wie er, aber dafür besser zeichnen, malen, formen. So entstand Machatscheks 3. Œvre, der AdWEANtskalender, den er ebendann und im Café Ritter in Ottakring präsentieren wird. 24 songs, 24 pictures, ein Machatschek. (wfr)

Präsentation BuchCD

Termin: 14.11.2013, ab 19:00 Uhr
Ort: Café Ritter, Ottakringer Straße 117

Franz Joseph Machatschek (git. voc. Und Lesen)
Franz Löchinger (perc. mit freundlicher Genehmigung von bau mit)
Chor: Stimmgewitter Augustin
Gastmusikerin: Lisa Frey
Gäste: Creme da la Creme

Mehr Machatschek: http://www.dermachatschek.at

73217_168017776557044_5070216_nIch musste den Kragen meines Trenchcoats hochschlagen, damit die schweren Regentropfen nicht an meinen Hals und dann abwärts gelangen konnten. Schwer hatte ich es in jener Nacht ohnehin: sie waren mir abhanden gekommen, die leichten Gedanken, und was ich an diesem Abend mit mir herumschleppen musste, dass wollte ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind zumuten. Durst. Ja, wie wir wissen, haben auch Männer Gefühle. Eh klar, aber wer spricht schon darüber. Also beschloss ich, der Tragödie ein Ende zu setzen und lenkte meine Schritte zielstrebig der Taverne an der Ecke des Blocks entgegen. Brendl … klingt nach Feuerbrigade, und die hatte ich auch nötig. Ein ganzer Löschzug sollte es sein, und er sollte Brand und Wüstenei ein Ende setzen. Schnell. Effizient. Eiskalt. Peter schien mich schon erwartet zu haben, denn wortlos schenkte er einen Herzhaften von der rabiaten Rebe ein, spritzte flink Soda darüber und rockte darauf einen Berg Eis. Ja, so hatte ich es gerne. Während ich den ersten fast gierigen Schluck nahm, wusste Peter schon, dass er getrost den zweiten Grönländer vorbereiten konnte. Zu heftig hatte mich die Trockenheit der Betonwüste ausgedörrt, als dass ich noch länger warten konnte. Ich sagte ja schon, ich musste die Sache hinter mich bringen, und zwar schnell. Die Eiswürfel klirrten noch im ersten Glas, das ich soeben geleert hatte, als sich der Nachfolger in Form des zischenden Eisbergs zum Zwitschern eingefunden hatte. „Danke Peter,“ twitterte ich meinerseits dem Barmann hinüber, und er verstand. Cool wie mein Summersprizz on the Rocks, erwiderte er meinen Blick, und wir verstanden uns. Ich sagte ja schon: Auch Männer haben Gefühle.

Mann, das hatte mir gerade noch gefehlt! You know, ich stehe da an der Bar, die beredte Unterhaltung begann gerade in ihren schweigsamen Lauf dem gleichsam titanischen Untergang entgegenzufiebern, da erschien sie.

SIE!

Ihr kurzer Gruß kam einer Kernspaltung gleich … zweifellos war sie eine Prinzessin … Ölprinzessin … Kernöl … Wie lange hatte ich diesen prämediterranen Teint ethnischer Ausdruckskraft, noch dazu verpackt in dieser glockenhellen Stimme, nicht mehr gehört! Wo die vergangenen Monate geprägt waren vom harten Zungenschlag der Eingeborenen ob der Enns, wo du denkst, sie ertränken dich in der schäumenden Gischt des großen Stroms. Ganz anders nächst der Mur. Hier vermengen sich der Duft von Schilcher („Schülcher“)  und Steirerbrau zu einem wohl duftenden Frühlingsstrauß der Leidenschaften … wenn man nur daran ganz fest daran glaubt.

Gut. Nun war sie einmal da, und es musste gehandelt werden. Ich war froh, dass Peters Reaktion so schnell war, somit konnte ich fürs erste einmal mit dem dritten Eisberg kollidieren. Blöd nur, dass er zu schmelzen schien, was war bloß in ihn gefahren? So wandte ich den Blick vom Nightrock und ritt mit meinen Augen dem Sonnenaufgang entgegen. Denn sie war gerade aufgegangen, die Sonne, obwohl ich mir noch nicht sicher war: Sah ich die Sterne einer klaren, warmen Sommernacht? Oder ging sie tatsächlich auf, jetzt, knapp vor Mitternacht, die ich mehr üblicher Weise als mich umhüllenden Nebel in Erinnerung hatte. Wenn überhaupt.

Mann ohne Gedächtnis.   Allerdings brauchte ich jetzt dringend Gedächtnis. Konnte ich mich denn noch daran erinnern, wie es damals war, als prämediterraner Charme meine Seele umgarnte? Die Mitternachtssonne wie der Nordwind das Eis des G’spritzten zum Schmelzen bringen konnte? Hallo! Gedächtnis! Sprich zu mir! Schnell! Schnehell! Einen kurzen Moment dachte ich, es hätte mich endgültig verlassen

Aber einsam hin, Wolf her, im Grunde hat man die Situation doch immer im Griff, nicht wahr?   Ich wusste nun, was ich zu tun hatte. Ich drehte meinen Kopf nicht ohne Bedacht, langsam, souverän, fast cooler als das geschmolzene Eis im Glas, zu ihr hin, blickte ihr ebenso in die Augen (diese Augen!) … und sprach, was gesprochen werden musste: „Grxmpfzpfzt.“ (wfr)

fohlenSie hatte schon so traurig begonnen, die ganze Geschichte: Kaum, dass Francesca,
das Fohlen, das Licht der Welt erblickt hatte, kamen die Männer mit ihren dunklen Gesichtsausdrücken, bewaffnet mit Seilen, die sie Dolores der Stute um den Hals
banden und sie gleich einer Diebin abführten, mit dem Vorsatz – man wollte und konnte gar nicht daran denken … Flink steckten sie Francesca in einen Sack und machten sich, als sie die laut nach Hilfe wiehernde Mutter im dunkelsten Winkel des Stalls angebunden hatten, mit dem hilflosen Balg darin versteckt aus dem Staub. Sie hatten einen Karren mit dabei, eines mit einer laut knarrenden Maschine ausgestattetes Teufelszeug, das es ihnen ermöglichen sollte, sich, wenn auch unter unvorstellbarem Getöse, aus dem Staub zu machen. Die Reise war demnach, und noch dazu für Francesca, eine turbulente Sache: Über Stock und Stein ging es, und man mochte sich fragen, ob der Halunke, der den Karren lenkte, überhaupt Herr des Gefährts war, so wild ging die Jagd vonstatten. Und der sich fragende Leser sollte Recht behalten. Francesca wurde in einer scharfen Kurve aus dem knatternden Ungetüm heraus geschleudert und blieb, immer noch fest verknotet im Jutesack, am Straßenrand zurück … zum Glück unverletzt, aber voll Furcht und bösen Ahnungen. So schrie es, was sein junges Leben vermochte, schrie in die finstere Nacht hinaus, hoffend, dass sich jemand seiner erbarmen mochte.

Und so kam es dann auch. Die Sonne war noch nicht am Horizont aufgegangen, als Salomon, der Veroneser, das zappelnde und um sein Leben bangende Bündel am Weg entdeckte. Fasste er sich ein Herz? Würde er sich des jungen Lebens erbarmen? Würde er ihm Obdach gewähren, bis es herangewachsen war und selbst seine Pferdefamilie gründen konnte? Ihr müsst wissen, Salomon, der Veroneser, war ein Mann, den die, die ihn kannten, als findigen Feinschmecker bezeichneten. Sein Wirtshaus erlebte in diesen Tage regen Zulauf durch die Stadtbewohner, die es verstanden, den edlen Tropfen, den er gerne und gegen gute Bezahlung zu kredenzen pflegte, in kleinen Schlucken zu genießen (auch wenn es viele Schlucke waren, die hier in seiner Taverne die Gäste dem Wein opferten … und wohl auch das eine oder andere Goldstück). Und dazu gelüstete es sie gar zu oft, Raffinessen aus seiner Küche zu bestellen, Raffinessen, die es aber nicht überall zu verzehren gab. So verharrte Salomon, der Veroneser, nur kurz in Mitgefühl, denn schon einen Augenblick später sah er sich auf die große Schiefertafel an der Mauer seines Wirtshauses schreiben: „Fohlengulasch auf Veroneser Art“ und lachte sich einen. Damit hatte er, das wusste er, seinen Gästen wieder einmal eine leckere Überraschung bereitet, die sich nicht zuletzt auch für ihn lohnen sollte. Wie es nun so seine Art war, packte er Francesca, noch im Sack, mit kundiger Hand, befreite sie aus ihrem dunklen Gefängnis, und es gelang ihm sogar, mit seiner Vertrauen erweckenden Stimme, das Pferdekind zu beruhigen: „Ei, fein, dass ich dich hier am Straßenrand gefunden hatte,“ säuselte er, „du sollst es nicht bereuen, denn für den Rest deines Lebens sollst du es fein haben bei uns. Wir werden dich gut behandeln, Fressen wird für dich reichlich da sein, denn wir wollen doch, dass du ein gut genährtes Fohlen wirst, nicht wahr?“ So frohlockte auch Francesca, und Salomon lachte still und diabolisch in sich hinein. Ab ging es nun nach Hause. Sie waren im Übrigens gar nicht so weit von Heim und Wirtshaus des Veronesers entfernt – einen Steinwurf gleichsam und so gelangten sie auch bald an den Ort, wo Francesca sein kurzes Leben, kaum, dass es begonnen hatte, auch beschließen sollte. Doch fürs Erste genoss Francesca ihre neue Familie in vollen Zügen! Es mangelte ihr an nichts. Die erlesenen Köstlichkeiten, die sich ein Pferdeherz kaum auszumalen getraute, machten aus dem mageren Häuflein Elend, das Salomon, der Veroneser, dieser Tage aufgelesen hatte, ein wohlgenährtes junges Fohlen, dem Kenner ein langes und gesundes Leben voraussagen wollten. Er lies sie gewähren, und erzählte niemandem von seinem teuflischen Plan, wusste er doch, dass Angetraute und Anhang sein Vorhaben mit bösen Worten quittieren würden und in ächten bis an sein Lebensende. Eines Tages, ich denke, es war ein milder Herbsttag, verabschiedete er sich von den Seinen, nicht vergessend, das lange Messer listig unter dem Mantel zu verbergen und meinte: „Francesca braucht Auslauf. Was liegt daher näher, als mit ihr eine ausgedehnte Wanderung in die Auen des großen Flusses zu unternehmen, auf dass sie sich einmal so richtig austoben kann, bevor uns alle der bitterkalte Winter in unseren Häusern gleichsam einsperrt?“ – „Wohlan, lasst es euch gut gehen,“ meinte Salomons Angetraute, und in ihren Augen strahlten Vertrauen und auch Dankbarkeit, so eine Seele von einem Angetrauten fürs Leben gefunden zu haben. Schnell wandte daher Salomon, der Veroneser, den Blick von ihr, denn das war etwas, das ihn schon verunsichern konnte. Es war immer dasselbe: kaum blickte er ihr in ihre Augen … Naja, wie gesagt, es war immer dasselbe … Aber heute, nein, heute war alles ganz anders, und der Plan musste in die Tat umgesetzt werden. Jawoll!

In der Tat, es war ein milder Herbsttag, Francesca sprang über die Wiesen, über die umgestürzten Bäume in der Au, ja, sie wagte sogar einen Sprung ins gar nicht mehr so laue Wasser und tat das auch mit einem halb erschrockenen, jedoch auch halb quietschvernügten Wiehern kund, während Salomon, der Veroneser, eiskalt sein Messer wetzte … Die Sonne war schon längst untergegangen, als der Wirt alleine von seiner Wanderung durch die Auen heimkehrte. „Wo ist Francesca?“ fragte besorgt die Angetraute. „In guten Händen“ antwortete der Veroneser, „in guten Händen. Mach dir keine Sorgen.“

Dann hängte er seinen Mantel an den Haken, verschwand noch in der Küche, um zu tun, was zu tun war. Die ganze Nacht verbrachte er dort um das Menü für den kommenden Tag vorzubereiten. Schließlich, als der Morgen graute, legte auch er sich zu Bett, todmüde, denn er hatte sich für seine Gäste, die da morgen kommen mochten um sich an seiner Kochkunst zu erfreuen, ganze Arbeit geleistet. Später dann, als es schon auf Mittag zu ging, schritt er hinüber zum Wirtshaus, holte die Kreide aus der Schublade und schrieb an die große Schiefertafel: „Gemüseeintopf auf Veroneser Art“. (wfr)